• Blick auf Hinterhermsdorf
  • Heimatmuseum im Umgebindehaus
  • Weifbergturm in der Hinteren Sächsischen Schweiz
  • Kahnfahrt Obere Schleuse Hinterhermsdorf
 

Die Geschichte von Hinterhermsdorf

Begibt man sich mit seinen Gedanken und Gefühlen in die Vergangenheit,  ist diese Zeitreise ganz sicher ein sehr emotionales Erlebnis. Dort, wo vor Jahrmillionen der Granit und der Sandstein sich eng zusammen geschoben haben, wurde die Landschaft im 12./13. Jahrhundert langsam besiedelt.

Unser heutiges Dorf entstand  ca. 400 m über dem Meeresspiegel auf kargem Boden. Nach dem zuerst das Elbtal und die sogenannten Ebenheiten  in der Nähe der Elbe besiedelt wurden, besiedelten deutsche Kolonisten höhere Gebiete in dieser Landschaft. Es gibt Hinweise, dass es Menschen aus der Oberpfalz und Unterfranken waren, die unser heutiges Hinterhermsdorf, rechts der Elbe, einst gründeten. Sie teilten unter sich das Gebiet um ihre Ansiedlung in 13 etwa gleich große sogenannte Hufenstreifen zur Bewirtschaftung auf.

Nun ist uns eine Urkunde bekannt, die uns unser Dorf 1445 als "Hermanstorff" benennt. Später  auch nachweislich  "Hermistorff" und 1480 als "bhemischin Hermeßdorff. Diese Benennung belegt,  dass zu dieser Zeit das Dorf zum Königreich Böhmen zugehörig war.
Das Gebiet kommt später in den Besitz der sächsischen Fürsten, wird als "Hinterhermansdorf" bezeichnet und ist nun dem Amt Hohnstein zugehörig.

Im 16. Jahrhundert kamen auch langsam Anwesen von Handwerkern und Häuslern dazu und die Gemeinde erwirbt umfangreiche Waldrechte.

Das Herzogtum Sachsen wurde 1539 evangelisch. Die Hinterhermsdorfer Gemeinde erst 1542.
Bis dahin besuchten unsere Vorfahren die katholischen Kirchen im benachbarten Böhmen. Sie liefen auf beschwerlichen Wegen einige Kilometer durch den Wald nach Nixdorf oder nach Zeidler, um dort in den Nachbarorten die Gottesdienste zu besuchen. Danach wurde unser  Hinterhermsdorf  zur evangelischen Gemeinde nach Sebnitz eingepfarrt.    

Das Amtserbbuch verzeichnet 1547 im Register 13 Bauern, 3 Brettmühlen und einen Kalkbruch.
Auf Grund der Gegenreformation in Nordböhmen kamen in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts ungefähr 10 Exulanten- Familien zu der bisherigen  Hinterhermsdorfer Bevölkerung dazu.

Frühe DorfansichtFür die nun inzwischen einheimisch gewordene Bevölkerung brachte unsere gebirgige Höhenlage und die teilweise sehr ungünstige landschaftliche Struktur, dazu noch der karge Boden, nur geringe landwirtschaftliche Erträge. Dagegen waren die Wälder von Anfang an sehr bedeutungsvoll, um überhaupt die notwendigsten Lebensgrundlagen zu schaffen. Diese gaben den Menschen zu dieser Zeit Möglichkeiten, ihre bescheidenen Häuser sowie Stallungen zu bauen und mit Heizmaterial die harten, schneereichen Winter zu überstehen.

Der größte Teil der Bevölkerung war seit jeher mit der Arbeit in den Wäldern beschäftigt, um ihre Familien mit den Kindern wirtschaftlich durch die Jahre zu bringen. Die bescheidene Land- und  Viehwirtschaft wurde von den Familien dazu notwendigerweise noch nebenbei betrieben. Der Holzeinschlag im Kurfürstlichen Sächsischen Wald gewann mehr und mehr an Bedeutung.  

FlößereiMit dem Bau der Oberen Schleuse 1567 in der Kirnitzschklamm, einer engen Felsenschlucht und zusätzlich etwas später der Niederen Schleuse, begann die lange Zeit der Flößerei auf der Kirnitzsch, in unserer Hinteren Sächsischen Schweiz. Erst nach 400 Jahren, in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, endete diese schwere Flößerarbeit.   

Schon länger beschäftigten sich in Hinterhermsdorf die nun inzwischen evangelisch gewordenen Christen  mit dem Gedanken, im Ort eine Kirche zu bauen. Aus verschiedenen Gründen kam es aber vorerst nicht dazu. 1688 forderte die Rote Ruhr viele Todesopfer unter den Einheimischen. Eine Anhöhe, unmittelbar am Ort, gab in der Not die Möglichkeit, einen Friedhof anzulegen und im Zusammenhang ein Jahr später endlich eine Kirche zu bauen. In nur sechs Monaten erstellte der Baumeister Hans Hamann aus Tharandt das Gotteshaus, eine Saalkirche mit Rundbogenfenster.
Ein Dachreiter ziert das Kirchlein seit jeher. Betrachtet man den Bau aus einer gewissen Entfernung, muss man feststellen, dass dieser Dachreiter mit seiner ganz eigenen Konstruktion  wunderschön zur Architektur der Kirche passt.       

HinterhermsdorfAuf Grund des günstigen Standortes und der gefälligen Architektur fügt sich seitdem nun diese kleine Kirche ganz lieblich und schön - gleich aus welcher Richtung betrachtet - in unser Ortsbild und in die Landschaft ein.

Etwas Besonderes ist im Inneren nicht nur der barocke Altar aus den Jahren 1691/92. Wir nehmen an, dass dieser von einem böhmischen Meister gefertigt wurde. Eine Besonderheit ist  der schwebende Taufengel aus dem Jahr 1701 im Chor, der spät - erst 1927 - unserer Kirche den Namen "Engelkirche" gab.  Im Jahr 1846 erfolgten weitreichende Veränderungen. Um auch eine neue Orgel von Samuel Heinrich Herold einbauen zu können, erhielt die Kirche am Westgiebel einen Anbau. Diese Erweiterung fügt sich seitdem ebenfalls ganz harmonisch in die bis dahin bestandene  Architektur ein.  Das Geläut der Kirche hat seine eigene, sehr bewegte Geschichte. Heute wird es von drei Glocken gebildet.
 
Immer wieder kam es in den mehr als drei Jahrhunderten durch Unwetter und Brand zu starken  Beschädigungen und damit zu umfangreichen Reparaturen an der Kirche. In den letzten vier Jahrzehnten konnte unsere "Engelkirche" durch die Gemeinde sowie mit Mittel unserer Landeskirche und mit Hilfe staatlicher Unterstützung vollständig saniert werden.

Die evangelische Gemeinde in Hinterhermsdorf erhielt nach der Fertigstellung der Kirche  1701 eine eigene Pfarrstelle.

AltarEngelkirche ca.1930

Die Kirnitzsch hat ihre Quellen auf böhmisches Gebiet bei Schönlinde und eine Länge bis zur Mündung bei Bad Schandau von 45 km. 15 km nimmt sie ihren Lauf durch die Böhmische Schweiz bevor der Gebirgsbach 7 km dann die Grenze zwischen Tschechien und Deutschland bildet und weiter zwischen den Sandsteinfelsen durch das Kirnitzschtal  bis zur Mündung fließt. Dieser sauerstoffreiche Gebirgsbach beheimatet viele Forellen.
An seinen Ufern sind auch unter den besonders guten Bedingungen in der Natur des Elbsandsteingebirges,  Brutpaare des wunderschönen Eisvogels und die der Wasseramsel sowie auch noch andere seltene Tierarten zu Hause.

Nach der Ortsgründung des Dorfes entstanden an den Ufern der Kirnitzsch bis zur Mündung in die Elbe, zahlreiche Mahl- und Brettmühlen. Doch im Laufe der Zeit wechselnden die Namen und Bedeutungen. Im Bereich von Hinterhermsdorf seien hier in Flußrichtung die Mittel- oder Böhmische Mühle und die Niedermühle genannt.

Im engen Zusammenhang zu Hinterhermsdorf standen in der Vergangenheit auch zwei kleine Ansiedlungen an der Kirnitzsch auf böhmischer Seite.
Hinterdaubitz 
Dort, wo die Kirnitzsch ihren Verlauf als Grenzfluss beginnt, befand sich bis 1945 auf der Nachbarseite eine kleine Ansiedlung von wenigen Häusern mit der Böhmischen Mühle. Es war Hinterdaubitz. Ersten Anwesen wurden aber auf sächsischer Seite, im sogenannten Loch, errichtet.

Ein Stück, bevor die Genzmarkierung der Kirnitzsch endet, endete nach 1945, leider auch das Dasein von Hinterdittersbach mit der Kirnitzschschänke, auf tschechischem Gebiet.  
 
Beide kleine Ansiedlungen aus dem 17./18. Jahrhundert hatten mit ihren Einwohnern  ihre eigene Geschichte. Weil Hinterdittersbachaber Hinterhermsdorf für die Menschen dort - trotz beschwerlicher Wege -  das nächste Dorf war, bestand zwischen der Bevölkerung von Anfang an nicht nur ein menschliches, sondern auch ein gutes wirtschaftliches Verhältnis. So gehörten sie zur evangelischen Gemeinde in Hinterhermsdorf und die Kinder besuchten dort auch die Schule.

Noch größere Beziehungen zueinander begannen im 19. Jahrhundert. Im Gebiet der
Sächsisch- Böhmischen Schweiz entwickelte sich von nun an rasant der Tourismus in den sogenannten Sommerfrischen.  Ursachen dafür war die Fertigstellung der Straße durch das Kirnitzschtal  nach Schandau 1874, sowie schon vorher der Bau der Bahnverbindungen im Elbtal und in der Folge auch nach Sebnitz. Von der böhmischen Seite her verstärkte sich der Strom des Fremdenverkehrs mit dem Bau der Straße durch das Khaatal nach Hinterdaubitz ab 1906. Auch aus Richtung Hinterdittersbach und weiter zu den verschiedenen Zielen in der Hinteren Sächsischen Schweiz, nahm die Zahl der Wanderer und Ausflügler aus Böhmen mehr und mehr zu.  

Das Jahr 1879 ist für Hinterhermsdorf von größter Bedeutung. Denn im Mai des Jahres begannen, auf einer Länge von 700 Meter, die Bootsfahrten für Wanderer, Naturfreunde und Touristen  in der Felsenklamm der Kirnitzsch, dem angestauten Wasser der Oberen Schleuse.

Die Obere Schleuse befindet sich in der ersten Hälfte des Abschnittes, wo die Kirnitzsch mit ihrem Lauf, die Grenze zwischen Sachsen und Böhmen bestimmt.  

Bootsstadion Obere SchleuseIn dieser sehr engen, im Sommer kühlen und schattigen oder auch mit Sonnenlicht durchfluteten tiefen Schlucht, offenbart sich die Natur zwischen den Sandsteinfelsen in  grandioser Schönheit dem Menschen. Sie zeigt sich dort, auch mit ihrer Flora und Fauna, in einer unvergleichlichen und beeindruckenden Weise.  

Seitdem unternehmen tausende Menschen jedes Jahr, von der historischen Bootsstation aus, eine Fahrt mit dem Kahn auf der Kirnitzsch.  
Die Besucher finden in der Stille, tief im Tal unserer Felsenheimat, Besinnlichkeit, Freude und  Erholung. Es wird zum unvergesslichen Erlebnis.
Nur im 1. und im 2. Weltkrieg gab es hier zeitliche Unterbrechungen mit den Kahnfahrten.

Eine Königlich- Sächsische Postagentur nahm 1886 in Hinterhermsdorf ihren Dienst auf. Um 1910 begann die Errichtung einer Gemeindewasserleitung und der Anschluss zahlreicher Häuser an das elektrische Netz im Dorf.

Nun forderten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auch die zwei Weltkriege im Ort zahlreiche Opfer, sowie unermessliches Leid und Entbehrungen in der Bevölkerung. Nach dem zweiten Weltkrieg zogen  tausende Menschen, darunter zahllose Kinder, Alte und Kranke aus ihrer geliebten Böhmischen Heimat vertrieben, in Kolonnen durch unser Dorf. Der kleinste Platz in den Häusern, Scheunen und Stallungen wurde genutzt, um das furchtbare Leid dieser Menschen etwas zu lindern.

DorfbachtalNachdem nun die DDR gegründet war, wurden 1951 ein Kindergarten und eine Gemeindeschwesternstation eingerichtet.  Die private  Landwirtschaft wurde 1960, nicht immer ganz freiwillig von den Bauern, genossenschaftlich. 1974 entstand für unseren Ort ein Mehrzweckgebäude mit unterschiedlichen Einrichtungen für die Bevölkerung. Bis zur politischen Wende gab es im Ort gute Arbeitsmöglichkeiten.  Ein großer Teil der Hinterhermsdorfer fanden ihre beruflichen Aufgaben in Sebnitz, in den zahlreichen kleinen und größeren Industriebetrieben, besonders zahlreich in der "Kunstblume" sowie anderen Einrichtungen der Kreisstadt. Die Busverbindungen waren sehr gut und praktisch in dieser Zeit.

Wo Licht ist, ist auch immer Schatten. Deshalb musste  nach der Wende 1990 auch in Hinterhermsdorf in allen Richtungen für das Leben neue Strukturen gefunden werden.
Vieles war problematisch und so manches ist es sicher heute noch. Doch so schön und einladend wie heute war unser Dorf wohl noch nie!

Es entstand "Das Haus des Gastes" mit der Touristeninformation und weiteren Dienstleistungen. Dieses moderne Gebäude fügt sich nun harmonisch in die dörfliche Struktur ein. Der Dorf- und Blockstubeder Pfarrplatz wurden neu gestaltet. In der Ortslage entstand ein großzügiger Parkplatz. Die Straßen und Wege sind nun sauber und in Ordnung. Seit dem Jahr 2000 können Gäste und Einwohner einen hohen Aussichtsturm, am Rande der Ortslage,  auf dem Weifberg besteigen und fantastische Rundblicke bei guter Sicht über Sachsen und Böhmen genießen.

Aufmerksamkeit in Hinterhermsdorf findet immer die besondere Holzbauweise der zahlreichen alten, liebevoll gepflegten und größtenteils sanierten Umgebindehäuser, mit ihren Blockstuben. Unsere Gäste finden hier auch von den Besitzern sorgfältig gepflegte Grundstücke mit ihren blühenden Bauerngärten im Sommer. Im Winter verwandelt sich dann unser Dorf und die Sächsisch-Böhmische Schweiz oft in eine märchenhafte Winterlandschaft.

Werner Schmidt


Quellen: "Vom Bauerndorf zum staatlich anerkannten Urlauberort" von Manfred Schober
               "Engelkirche Hinterhermsdorf" von Konrad Creutz   
               "Heimatgeschichtliche Dorfstudien aus der  Sächs. Schweiz
                und Südlausitz in Wort und Bild" von Johannes Langer

 

Druckversion

 

Heimatverein Hinterhermsdorf e. V.